Was ich vermissen werde:
• deine unvergleichliche, ansteckende Unternehmungslust und deinen Tatendrang
(Dein erster Satz nach unserer Ankunft auf Mallorca war: „Nächstes Jahr fliegen wir nach Island.“ Im Urlaub wolltest du noch eine Schiffsreise mit mir machen, aber sie war nicht barrierefrei. Das war nur wenige Wochen vor deinem Tod.)
• deine Fähigkeit, bis zum Ende etwas zu finden, worauf du dich freuen konntest; deine kindliche Vorfreude auf Kleinigkeiten wie Boulen, ein kühles Bier und Eisessen, auch wenn du nur noch im Sitzen spielen und die Bahn kaum erkennen konntest, deine Freude während des Spiels
• für dich im Urlaub Obst und Kakao vom Büfett zu holen
• deine Anrufe, dass ich uns Plätze im Restaurant reservieren soll, weil bald wieder jemand Geburtstag hatte oder Weihnachten anstand
• mit dir zum Wochenmarkt zu fahren (Rettich, Blumenkohl, Weintrauben, Kirschtomaten, Oliven und Käse) und danach in der Hofapotheke einen Kakao zu trinken
• dir aus der Zeitung vorzulesen; deine Fragen nach der Fußballtabelle oder Spielergebnissen am Frühstückstisch, die mich manchmal genervt haben
• mit dir an deinem Geburtstag deine Facebook-Nachrichten durchzugehen
• deine Sturheit, mit der du einen in den Wahnsinn treiben konntest, zum Beispiel weil du deine Jacke im Restaurant nicht ausziehen wolltest, einfach kein Wasser trinken oder eine ganz bestimmte Sache unbedingt haben wolltest (das eine Gericht, das eine Getränk); aber wenn du sie dann hattest, warst du glücklich
• deinen exquisiten, manchmal etwas anstrengenden Geschmack beim Essen
Was du besonders mochtest: Kakao, Malzbier (nicht zu süß), Bier (nur ganz bestimmtes), Buttermilch (auch nicht immer), Grog, Magenbitter, Glühwein, Erdbeersaft, Caro-Kaffee, Pyrmonter Säuerling (wenn du überhaupt mal Wasser getrunken hast), Butterkekse, Lakritz, Eis (Erdbeer, Nuss und Vanille), Zartbitterschokolade, Vanillepudding, Bratwurst, Bratkartoffeln, Kartoffeln mit Quark und Leinöl, Pilze, saure Gurken, Erbsensuppe, Gulaschsuppe, Kartoffelsuppe, Kartoffelsalat, Fleischsalat, Tomatensalat mit Käse und Zwiebeln, Eier (vor allem Rührei), Tomaten, Camembert, Erdbeeren, Kirschen, Federweißer, Berliner Weiße, Schwarztee (nur mit Milch und Zucker) …
• dass du mich in der Saison fragst, ob ich dir Erdbeeren besorgen oder für dich Spargel kochen kann
• neben dir im Flugzeug zu sitzen
• dein verschmitztes Lächeln, dein Schmunzeln, die Witzeleien
• deine Kommentare über unsere Lieblingsserie
• deinen Luftkuss beim Abschied
• deine einzigartigen vollen Haare
• deine Nachrichten auf meiner Mailbox, deine WhatsApp-Sprachnachrichten
• mit dir auf meinen Reisen zu telefonieren; deine Frage, ob ich sicher angekommen bin
• wie du zum 20. Mal Geburtsgeschichten erzählst
• Vatertagsgeschenke für dich auszusuchen; dich am Vatertag zu besuchen und deine Freude darüber
• deine Geschichten von früher – ich glaube, niemand hat so viel erlebt wie du, und es gibt bestimmt noch so vieles, was ich nicht weiß
• einfach nur mit dir auf dem Marktplatz Eis zu essen oder in den Weinregionen Wein zu trinken, vor dem Rathaus Kakao zu trinken; mit dir und Gabi in einem der unzähligen Restaurants und Cafés zu sitzen, die wir jemals besucht haben; mit dir im Urlaub in die Sauna oder schwimmen zu gehen; dich zu deinen Massageterminen, zum Zahnarzt zu fahren; die Treffen mit der Familie Stein und vielen anderen …
• deine Geselligkeit, deine zugewandte Art, dein Interesse an allen Menschen, denen du begegnet bist; deine Redegewandtheit und deinen Charme
• mit dir zusammen in deinem Zimmer Quizsendungen anzusehen
• diesen einen Film mit dir drei Stunden am Stück anzusehen (den Tag werde ich nie vergessen)
• deine kleinen Tricks, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, dein „Dramatisieren“
• deine kreativen, spontanen Ausreden, die uns zum Lachen gebracht haben und bei denen du felsenfest geblieben bist
• dir die Neuigkeiten aus meinem Leben zu erzählen (du hast mir immer zugehört und immer gefragt)
• deine grenzenlose Friedfertigkeit, deine innere Ruhe und deine endlose Geduld: Du hast dich nie in etwas hineingesteigert oder dich über Belanglosigkeiten aufgeregt, nicht einmal über die wirklich schlimmen Dinge
• deine Großzügigkeit – du hast nie einen Cent zweimal umgedreht
• deine seltenen Tränen, wenn du die Anerkennung bekommen hast, die du verdienst, oder dich an schöne Zeiten erinnert hast, die nie mehr wiederkommen, z. B. beim Bürgerbataillon
• deine Telefonate auf der Terrasse
• dass du dich an Kleinigkeiten erinnert hast, die dich berührt haben, und sie noch Jahre später erzählt hast: den Baum, der uns damals im Auto den Weg versperrt hat, meine weiße Hose am Münchner Bahnhof …
• wie du in der Tür stehst, um heimlich mein Klavierspiel zu hören
• deinen Fernseher mit dem Sportprogramm (Biathlon, Fußball) oder Politiksendungen durchs ganze Haus zu hören, später die Tagesschau von Alexa oder deine Lieblingsmusik
• dich um Rat zu fragen, wenn ich ihn brauchte – du warst immer da
• die Besuche bei dir in der Kur
• „Spatz“
• morgens im Urlaub vor dem Hotelzimmer: „Guten Morgen, meine Tochter, hast du gut geschlafen?“, was ich auch manchmal albern fand, aber jetzt so vermisse
• mit dir vor den Heidschnucken zu stehen
• dich über Alexa anzurufen und deine Stimme zu hören, wenn du abhebst
• dich im Rollstuhl zu schieben und dir wieder und wieder zu sagen, dass das keine Last ist
…
Von früher:
• die Besuche im Dinopark, im Märchenwald, im Freizeitpark, die Wildwasserbahn, die Karussells auf dem Jahrmarkt, die Tombolas (du hast mir immer Lose gekauft) …
• mit dir Kniffel zu spielen, Kanu zu fahren, Minigolf zu spielen …
• dich als Kind in deinem Büro zu besuchen; die bunten Büroklammern
• „Ich brauche mal ein Stück Papier“, „Es geht um jede Minute“
• die Fahrten ins Stadion mit dem Bus
• unsere Spaziergänge im Wald mit dem Hund
• Snake auf deinem Handy zu spielen
• mit dir auf meinem Abiball zu tanzen
• wie du mich einmal im Schwimmbad hast ausrufen lassen, als du mich nicht sofort finden konntest
• die unzähligen Veranstaltungen, auf die du mich mitgenommen hast, solange du als Journalist gearbeitet hast (bis du 86 warst), z. B. zu den Sandsteinbrüchen, den Kunstausstellungen in der Wandelhalle, zum Eisstockschießen
• wie du an der Litfaßsäule nach der Schule auf mich wartest
• wie du mich zum Fußball, zum Flötenunterricht, zum Klavierunterricht fährst (in deinem Auto lief meist NDR 1)
• wie du mich nachts von Partys abholst; wie ich später dich abhole
• dass du oft fast in die Gebäude reingefahren bist, statt einen vernünftigen Parkplatz zu suchen
• mit dir für meine Geburtstagspartys einzukaufen, als du es noch konntest
• dich am Computer schreiben zu sehen, als du es noch konntest
…
Die vielen Reisen …
• die Bus- und Schiffsreisen (Schiffsreisen hast du geliebt), unsere Fahrten nach Berlin, München und an den Tegernsee, Bodenwerder, ans Steinhuder Meer, in den Kurpark Bad Pyrmont, in den Harz, an die Mosel und nach Bernkastel-Kues, an die Ahr (deine geliebten Weinberge), nach Amsterdam, auf den Braunschweiger Weihnachtsmarkt, an die Nordsee, zum Schützenfest, ins „Hühnercafé“, zur Waldquelle, zur Paschenburg, zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal; der Silvesterball in der Rattenfängerhalle, deine Kronjuwelenkonfirmation; mit dir Schlösser und Burgen im Urlaub besichtigen, die Kutschfahrten, dich durch das Heidekraut um den See schieben …
• Was du noch vorhattest und wir nie erleben werden: Portugal, Spreewald (Spreewaldgurken), Silvester im Harz, Rhodos, Gardasee, Schloss Hehlen, und du wolltest mit uns nach Hirschberg und uns zeigen, wo du aufgewachsen bist … Leider kam der Krieg dazwischen.
Das alles und unendlich viel mehr.
Wir wussten immer, dass dieser Tag kommen würde, und doch ist es unbegreiflich. Vielleicht konnten wir deshalb nie wirklich darüber sprechen.
Ich hatte nie ein Problem damit, einen alten Vater zu haben, weil du für mich kein alter Vater warst. Du warst immer fit, doch dann ging es plötzlich innerhalb weniger Jahre so schnell. Wahrscheinlich als deine Sehkraft immer schwächer wurde und du nicht mehr arbeiten konntest, was für dich am schlimmsten war. Ich habe so oft gedacht, dass du im falschen Körper lebst. Wie kann jemand geistig so klar und interessiert am Leben sein und gleichzeitig körperlich immer mehr abbauen? Im Nachhinein betrachtet warst du so tapfer.
Natürlich gab es auch Dinge, die ich mir in meiner Kindheit anders gewünscht hätte. Aber diese „Fehler“ ändern nichts daran, dass man einen Menschen liebt, und nichts an der schönen Zeit, die wir zusammen hatten. Du warst ein guter Vater für mich und ich hätte dich nicht für einen jüngeren eingetauscht, auch wenn du manchmal Witze darüber gemacht hast.
Momentan gibt es für mich nur noch zwei Zeitrechnungen: als du lebtest und seit du nicht mehr lebst. Die Vorstellung, dich nie wieder auf deinem Sessel vor dem Fernseher sitzen zu sehen, dich nie wieder etwas fragen oder dir etwas erzählen zu können, ist brutal und ich glaube, dass ich bis jetzt nie eine wirkliche Ahnung davon hatte, was Verlust bedeutet.
Danke, dass du so lange gekämpft hast, wie du konntest. Wir wollten dich so gerne noch länger behalten. Leider war das nicht möglich. Vielleicht war die Zeit, die wir hatten, dadurch umso intensiver. Noch ist das kein Trost, aber vielleicht irgendwann.
Danke, dass du mich immer in allem unterstützt hast.
Das Leben wird anders sein ohne dich.
Ich hoffe, es wird irgendwann wieder erträglich sein. Und dass wir uns wiedersehen und dieser Satz stimmt: „Wenn wir dort sind, wo du jetzt bist, werden wir uns fragen, warum wir geweint haben.“
Ich liebe dich
deine Rebecca